Logbucheintrag I, November 2016

Müde aus dem Flugzeug fallend, in wohlbekannte Arme. Unbekannte Gerüche, Geräusche, Anblicke, die sich in meine Sinne einbrennen, wie die zerkochten Mittagsreste and dem Tag in das Keramik des Küchenherdes.
Berge besteigen und berauschende Aussichten genießen, Chai Latte auf der Zunge statt Blut, obwohl der Jetlag mich totgeschlagen hat. Die frische Luft erfrischt das frische Leben, nur der Knall bleibt aus. Ich bin gelandet, aber noch nicht angekommen. Stillstehend auf dem Weg am anderen Ende der Welt.
Ein paar Tage Ruhe schaffen Aushilfe, vielleicht, mein Schlaf normalisiert sich schneller als gedacht und ich gleite zügiger in das Alltagsleben als mir bewusst wird. Dinge fügen sich als hätte es vorher jemand niedergeschrieben. Der zu rasant gefunde neue Job, die täglichen Zugfahrten, die binnen weniger Tage liebgewonnene und ans Herz gewachsene Crowd, unsere Feierabendbiere und der lediglich auf wundersame Weise noch fahrende Van, den wir auf stundenlangen Trips von innen zertrümmern, während wir den Rhythmus unserer Blitzpartys an seinen Wänden trommeln, lauter als unser Trommelfell vielleicht möchte, werden zur Routine. Jeden Freitag eintauchen ins Wunderland, in dem ich Alice bin - nur fühle ich mich nicht verloren, sondern gefunden. Unser Bier fliesst aus Türmen, wie in anderen Ländern das Wasser und hey, ich habe keine Ahnung wie du heißt, aber dich mag ich, lass uns Freunde sein. Und wir sind Freunde, für ein paar Tage. Du wohnst am anderen Ende der Welt und bist der Straße verfallen wie ich, sie schreit nach dir, ebenso wie nach mir. Wiedersehen werden wir uns erst in einer anderen Welt, aber danke, dass du trotzdem ein kleiner Bruchteil der Meinen warst.
Mein Weg macht ein paar Schlänker und bringt mich ein wenig raus, für ein paar Tage. Entlang and den schönsten Stränden und Ausblicken, die mindestens so atemberaubend sind wie meine Allergie. Aber vielleicht sind ja diese unglaublichen Tage der wahre Grund, warum mir die Luft wegbleibt. Abends ins Bett fallen, das nur halb so weich ist, wie das Kängurufell unter meinen Fingerspitzen. Ich hätte mir eins mitnehmen sollen, als Freund und Kissen und weil ich wie ein fünfjähriges Kind verliebt war. Verliebt wie der junge Biochemiker, der Künstler, der Kaffee förmlich blutet und dessen Muse ich für einen langen Augenblick war.
Zoom.
Uns ruft die Straße, diesesmal zusammen. Wir formen und leben eine Gruppe, die wir lieben. Stundenlang neben Wellen und Felswänden entlanggleiten und fliegen, sich die Kehle aus dem Leib brüllend zur Musik und eins werden oder dem zumindest näher kommen. Ihr seid nicht die Crowd, ihr seid meine Crowd und an euch liegt mir mehr als ich weiß, ihr seid die Menschen, mit denen ich meine Straße gerne etwas länger teilen möchte. Und wir teilen sie - wie unser Bier im Wunderland und die Sonnenuntergänge, die Erfahrungen, Erlebnisse und das schrecklich schiefgesungene Lied, das uns begleitet und uns unsere eigenen Stimmen verwendend zuruft, dass wir fühlen sollen. Den Regen auf unserer Haut, weil niemand sonst für uns fühlen kann, nur wir es reinlassen können, an uns ranlassen können, niemand sonst. Niemand sonst kann die Worte auf unseren Lippen sprechen, wir sollen uns von Unausgesprochenem durchnässen lassen, das Leben mit weit aufgerissenen Armen leben. Denn jetzt und hier beginnt mein Buch. Der Rest ist noch ungeschrieben.

HeldenkotzeNotebook, Logbucheintrag I,
komprimierter November 2016, weil meine Tinte alle und ich schreibfaul war

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